Digitalpolitik: Was die Regierung in dieser Legislaturperiode für das Internet plant
Mit dem Antritt der neuen Bundesregierung hat Deutschland erstmals ein eigenständiges Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung erhalten. Unter der Leitung von Karsten Wildberger soll das BMDS die digitale Transformation des Landes vorantreiben, Bürokratie abbauen und den rechtlichen Rahmen für das Internet grundlegend modernisieren. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD enthält zahlreiche Vorhaben, die weit über symbolische Ankündigungen hinausgehen. Doch was steckt konkret dahinter, und welche Auswirkungen haben die Pläne auf den digitalen Alltag der Bürgerinnen und Bürger?
Ein Ministerium mit breitem Mandat
Das BMDS vereint erstmals Zuständigkeiten, die bisher auf mehrere Ressorts verteilt waren. Digitale Infrastruktur, Cybersicherheit, Verwaltungsmodernisierung und die Regulierung digitaler Plattformen fallen nun unter ein Dach. Allein für den Breitbandausbau stehen im Haushalt 2026 rund 2,25 Milliarden Euro bereit. Ein neues Telekommunikationsnetzausbau-Beschleunigungsgesetz stuft den Netzausbau als Vorhaben von “überragendem öffentlichem Interesse” ein. Damit sollen Genehmigungsverfahren für Glasfaser und Mobilfunk deutlich verkürzt werden.
Parallel dazu treibt die Regierung die Einführung der sogenannten Deutschland-ID voran. Bürgerinnen und Bürger sollen künftig über ein einheitliches digitales Identifikationssystem auf Verwaltungsleistungen zugreifen können. Das Digital-Only-Prinzip sieht vor, dass Behördengänge vollständig online abgewickelt werden können. Daten, die einmal hinterlegt wurden, müssen nicht erneut eingereicht werden. Was in skandinavischen Ländern seit Jahren funktioniert, soll nun auch in Deutschland Realität werden.
Plattformregulierung: Strengere Regeln für Tech-Konzerne
Ein zentrales Feld der Digitalpolitik betrifft die Regulierung großer Online-Plattformen. Das Digitale-Dienste-Gesetz, die deutsche Umsetzung des europäischen Digital Services Act, bildet dafür die Grundlage. Die Koalition plant darüber hinaus eine verpflichtende Kennzeichnung von Bots, ein Verbot sogenannter Dark Patterns und ein umfassendes Gesetz gegen digitale Gewalt. Social-Media-Konzerne sollen stärker in die Pflicht genommen werden, wenn es um die Verbreitung von Desinformation und illegaler Werbung geht.
Dieser regulatorische Ansatz zeigt sich auch in anderen Bereichen des digitalen Lebens. Der Markt der deutschen Online Casinos etwa unterliegt seit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 einem der strengsten Regelwerke in Europa. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder überwacht Einsatzlimits, Spielersperren und Werbevorschriften. Das Prinzip dahinter ist dasselbe: Digitale Angebote sollen nicht unreguliert bleiben, sondern klare Rahmenbedingungen erhalten, die Verbraucher schützen, ohne Innovation zu ersticken.
Künstliche Intelligenz: Deutschland als KI-Standort
Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Deutschland als führenden Standort für Künstliche Intelligenz zu etablieren. Im Koalitionsvertrag ist von einer “KI-Nation” die Rede. Konkret bedeutet das: Förderprogramme für Forschung und Entwicklung, bessere Bedingungen für Start-ups und eine innovationsfreundliche Umsetzung des europäischen AI Acts, der ab Frühjahr 2026 vollständig anwendbar wird. Transparenz- und Dokumentationspflichten für Anbieter allgemeiner KI-Systeme gelten bereits seit August 2025.
Die Herausforderung liegt darin, einen Regulierungsrahmen zu schaffen, der Risiken minimiert, ohne die technologische Entwicklung auszubremsen. Kritiker befürchten, dass zu strenge Vorgaben europäische Unternehmen gegenüber der internationalen Konkurrenz benachteiligen könnten. Die Regierung betont hingegen, dass gerade klare Regeln Vertrauen schaffen und langfristig Wettbewerbsvorteile sichern.
Cybersicherheit und digitale Souveränität
Die Bedrohungslage im digitalen Raum hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Die Koalition plant daher eine nationale Cybersicherheitsstrategie und eine Stärkung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Im Zuge der Umsetzung der europäischen NIS-2-Richtlinie wird das BSI-Gesetz modernisiert. Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen künftig strengere Sicherheitsstandards einhalten und Vorfälle schneller melden.
Digitale Souveränität ist dabei mehr als ein Schlagwort. Es geht um die Frage, wie abhängig Deutschland von ausländischen Technologieanbietern sein darf. Schlüsseltechnologien wie Quantencomputing und Mikroelektronik sollen gezielt gefördert werden, um die Abhängigkeit von wenigen globalen Akteuren zu verringern. Ob die bereitgestellten Mittel dafür ausreichen, wird sich zeigen. Der Haushalt für das BMDS wurde gegenüber dem Vorjahr bereits leicht gekürzt, was in Fachkreisen für Kritik sorgt.
Zwischen Ambition und Umsetzung
Die digitalpolitische Agenda der Regierung ist ambitioniert. Erstmals bündelt ein eigenständiges Ministerium die Zuständigkeiten, der Koalitionsvertrag enthält konkrete Maßnahmen, und mit dem AI Act sowie dem Digital Services Act stehen europäische Rechtsrahmen bereit, die auf nationaler Ebene umgesetzt werden müssen. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob die Umsetzung mit dem Tempo der technologischen Entwicklung Schritt halten kann.
Bürokratische Hürden, knappe Haushalte und die föderale Struktur Deutschlands haben in der Vergangenheit ambitionierte Digitalprojekte regelmäßig ausgebremst. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das BMDS die nötige Durchsetzungskraft besitzt, um die Pläne in die Praxis zu überführen. Der politische Wille ist dokumentiert. Jetzt muss er sich in funktionierenden digitalen Diensten, schnellerem Internet und wirksamen Schutzregeln beweisen.
